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Lese-Andacht zum Jahreswechsel

|   News aus Bendestorf

Liebe Gemeinde,
„The same procedure as last year, Miss Sophie?“ fragt der Butler James die Jubilarin Miss Sophie in dem beliebten Sketch „Dinner for one“, der seit Jahrzehnten zum Jahreswechsel im Fernsehen gezeigt wird.
Mit diesem Sketch wird in vielen Haushalten traditionell der Silvester-Abend eingeleitet: Mit immer der gleichen Prozedur, „the same procedure as last year“, wird anschließend Raclette oder Fondue gegessen, Sekt oder Champagner getrunken, mit Konfetti und Luftschlangen die Wohnung geschmückt. Gleiche Abläufe und Rituale geben unserem Leben Struktur und Halt. Deswegen fahren viele Menschen jedes Jahr an den gleichen Urlaubsort oder singen jahrzehntelang zum Geburtstag das gleiche Ständchen. Gerade in diesem Jahr haben wir erlebt, wie wichtig uns Weihnachten ist, denn die Traditionen an Weihnachten mit Familienbesuch, Weihnachtsliedern und dem Jesuskind in der Krippe sind bedeutungsvoller als so mancher zuvor gedacht hat. Meine Schüler des 10. Jahrganges zum Beispiel haben mir gestanden, dass sie sich dieses Jahr viel mehr auf Weihnachten freuen als die Jahre zuvor. Viele Menschen kamen nur sehr schwer mit den Veränderungen aufgrund der Kontaktbeschränkungen zurecht und sehnten sich nach den bekannten Weihnachtsritualen. Weihnachten ist ein Gemeinschaft stiftendes Ereignis, es verbindet uns mit unseren Liebsten und schenkt uns mit seiner Botschaft vom Licht in der Finsternis Sicherheit in unruhigen Zeiten.

Insofern können wir auch verstehen, dass Miss Sophie anlässlich ihres 90jährigen Geburtstages alles beim Alten lassen möchte und auf die Frage vom Butler James: „The same procedure as last year, Miss Sophie?“ , beherzt begegnet: „The same procedure as every year, James!“ Und James dann stellvertretend für die schon lange verstorbenen Freunde Sir Toby, Admiral von Schneider, Mr. Pommeroy und Mr. Winterbottom wie früher Toasts auf Miss Sophie ausspricht, ein Glas nach dem anderen leert und zum Schluss auch die „Pflichten“ im Schlafzimmer traditionell erfüllt.

Wenn wir allerdings an das Jahr 2020 zurückdenken, dann wollen wir es am liebsten ganz schnell hinter uns lassen. Wir hoffen auf ein besseres Jahr 2021 und stimmen nicht in das Wort von derselben Prozedur wie im letzten Jahr ein.
Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat „Corona-Pandemie“ zum Wort des Jahres erklärt, auf den Plätzen zwei und drei folgen „Lockdown“ und „Verschwörungserzählung“. Seit Anfang des Jahres hält uns das Covid 19 Virus in Atem, ausgehend von Wuhan in China hat es sich in kürzester Zeit über die Welt ausgebreitet, so dass wir in Deutschland im März den ersten harten Lockdown erleben mussten und die Katastrophenmeldungen seitdem nicht mehr abreißen. Unzählige Todesopfer mussten wir schon verzeichnen. Maskenpflicht und Abstandregeln, Einschränkungen im beruflichen und privaten Umfeld sind Folgen der Pandemie im Jahr 2020. Existenzängste und psychische Belastungen plagen uns vermehrt seit diesem Jahr.

Nein, das soll sich im Jahr 2021 nicht wiederholen, alle Hoffnungen setzen wir auf den Impfstoff, der seit Kurzem verabreicht werden kann und damit den zweiten Lockdown in diesem Winter hoffentlich zu unserem Letzten werden lässt.
Und auch andere Ereignisse des Jahres 2020 sollen sich nicht wiederholen: Ich denke an die brutalen rassistischen Anschläge in Hanau, Nizza und Wien, an den Mord an dem Farbigen George Floyd in Minneapolis. Ich denke an den Brand im Flüchtlingscamp Moria auf der griechischen Insel Lesbos, an die katastrophale und unwürdige Flüchtlingspolitik und an die vielen Kriegsschauplätze, beispielsweise in Afghanistan, in Syrien, in Kolumbien. Ich denke an den verheerenden Klimawandel, an das weitere Abschmelzen der Pole, an Naturkatastrophen und an die zunehmende Plastikvermüllung. Ich denke auch an die Proteste in Belarus gegen den Präsidenten Lukaschenko und seine gewaltsame Reaktion darauf, an die Vergiftung des Kreml-Kritikers Nawalny, an den Abgasskandal des VW-Konzerns und an den Finanzskandal des Unternehmens wirecard.

Nein, bitte nicht dieselbe Prozedur im nächsten Jahr!

Aber es gab im Jahr 2020 auch positive Entwicklungen, die sich gern auch im nächsten und in den kommenden Jahren wiederholen dürfen: Unternehmen haben über ihre vielen Flugreisen nachgedacht und Alternativen gefunden, die weitaus ökologischer und auch gesünder für die Arbeitnehmenden sind. Das Arbeiten im Homeoffice hat sich etabliert und wird auch nach der Krise die Arbeitswelt attraktiver und familienfreundlicher gestalten. Der Blick auf bestimmte Berufsgruppen hat sich verändert, die Krankenschwester, der Paketbote, die Verkäuferin und der Altenpfleger werden mehr wertgeschätzt. Und auch die Solidarität füreinander und der Verzicht zugunsten der Schwächeren sind ein hoffnungsvolles Zeichen in diesem Jahr! Die Süddeutsche Zeitung hat „Sätze des Jahres 2020“ gekürt, die ebenfalls in eine positive Richtung gehen: „Kommst du mit spazieren?“, „Ist diese Ruhe nicht herrlich?“ und „Wie wär´s mit einer Runde Scrabble?“, alles Sätze, die zeigen, dass man sich auf das Wesentliche besinnt und das Einfache wieder mehr achtet. Das Jahr 2020 führte auch dazu, dass wir uns unserer Bedürftigkeit und Abhängigkeit gegenüber Menschen wieder mehr bewusst werden, es hat uns demütiger gemacht, da wir uns unserer Verletzlichkeit und unserer Grenzen bewusster geworden sind. Auch das sind Erkenntnisse, die sich gern im nächsten Jahr vertiefen dürfen.

Wir wissen es natürlich: Kein Jahr ist wie das andere, „the same procedure as last year“ oder gar „as every year“ gilt vielleicht für manche Rituale, nicht aber für die Zukunft. Was das nächste Jahr uns bringen und wie lange die Pandemie uns noch fesseln wird, das wissen wir nicht genau. Und wie sich all dies auf die Wirtschaft, auf die Kultur und auf unsere Seele auswirken wird, das ist ebenfalls ungewiss. In all dieser Unsicherheit denke ich an den Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer und sein Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Dieses Gedicht hat er zum Jahreswechsel 1944 im Gefängnis, also in einer äußerst bedrückenden und unsicheren Situation, geschrieben. Es richtet sich an seine Verlobte und Familie. Darin drückt er sein Vertrauen in Gott trotz aller Ungewissheit und Not aus: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr. Noch will das alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last. Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen, das Heil, für das du uns geschaffen hast….Lass warm und hell die Kerzen heute flammen, die du in unsre Dunkelheit gebracht, führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen. Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.“

„The same procedure as last year“ wird es nicht 2021 geben, zum Glück!
Im Vertrauen auf Gott und im Schauen und Nachdenken, was Gott für unser Leben und für die Welt uns an Richtlinien aufgegeben hat, mögen wir gestärkt für das Jahr 2021 sein. Amen.
Zum Jahreswechsel möchte ich Ihnen einen Segen mitgeben:

Es wachse in dir der Mut, dich einzulassen auf dieses Leben
mit all seiner Unvollkommenheit und all seinen Widersprüchen,
dass du beides vermagst: kämpfen und geschehen lassen,
ausharren und aufbrechen, nehmen und entbehren.
Es wachse in dir der Mut, dich einzulassen auf andere Menschen
und ihnen zu geben, was du bist und hast.
Es wachse in dir der Mut, auf Gott zu vertrauen
und dich so auf diese unbegreifliche Welt einzulassen,
um den Reichtum der Welt zu erfahren.
So segne und behüte dich auch im kommenden Jahr
der allmächtige und barmherzige Gott,
der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

Ihre Pastorin Sophie Denkeler

 

 

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